Frauen, die zuviel glücksspielen

Übersetzung der Broschüre "Women who gamble too much"
von Dr. Henry R. Lesieur, Illinois, durch Dr. Monika Vogelgesang

"Ich kann mir nicht einen Tag meines Lebens vorstellen, an dem ich nicht glücksgespielt hätte. Selbst, wenn ich einmal an einem Tag nicht spielte, so drehte sich doch meine ganze Welt um das Spielen. Hierdurch wurde ich sehr müde, deprimiert und emotional ausgelaugt. In dieser Zeit war alles andere aus meinem Leben verschwunden: Bekanntschaften, Freundschaften, alles. Ich hatte keine Freunde, außer den Leuten, die auch Glücksspiel betrieben."
(Kathy)

"Um ehrlich zu sein, ich ging spielen, wenn mein Ehemann betrunken war, um einem Streit aus dem Weg zu gehen. In dieser Zeit waren meine größeren Kinder alt genug, um sich um eines der Kleinen zu kümmern, wenn es aufwachen sollte. Ich begann mit den kleinen Einsätzen und steigerte sie dann immer mehr. Wie ich schon sagte, habe ich mir zu Beginn des Spielens nur eine gewisse Geldsumme zugebilligt. Und für das Geld, das ich bei mir hatte, bekam ich Zeit geschenkt, Zeit, in der ich nicht zu denken brauchte, Zeit, in der ich mir keine Sorgen machen mußte... Später ging ich in ein Kasino, wo man Schecks einlösen konnte. Man brauchte nicht zur Bank oder zu einem ähnlichen Ort zu gehen, um Geld zu bekommen. Und dort richtete ich den größten Schaden an, indem ich Schecks schrieb."
(Helen)

Kathy und Helen haben ein gemeinsames Problem; sie sind zwanghafte (pathologische) Glücksspielerinnen. Im Jahr 1980 nahm die Vereinigung Amerikanischer Psychiater zum ersten Mal das Pathologische Glücksspiel in ihrem diagnostischen und statistischen Manual auf und ordnete es den Störungen der Impulskontrolle zu. Pathologische Glücksspieler sind Personen, denen es über längere Zeiträume und zunehmend weniger gelingt, ihren Impulsen, zu spielen, zu widerstehen. Dieses Unvermögen beeinträchtigt, stört und zerstört schließlich persönliche, familiäre und/oder Freizeitinteressen. Die Hauptcharakteristika des Pathologischen Glücksspiels sind seelische Abhängigkeit, Kontrollverlust und eine Funktionsbeeinträchtigung des betroffenen Menschen in den verschiedensten Lebensbezügen. Genauso wie bei Süchten, die an ein chemisches Substrat gebunden sind, wird der pathologische Glücksspieler abhängig von dem "High"-Gefühl, das durch die "Action" des Spielens produziert worden ist.

In der Vergangenheit fanden sich signifikant mehr männliche pathologische Glücksspieler als Frauen. In dem Maße, allerdings, indem sich die Zahl der Frauen, die sich an ein traditionelles Rollenverhalten gebunden fühlt, immer mehr verringert, finden sich nun immer mehr Frauen, die Zeit, Geld und Lust zum Spielen haben. Glücksspielen ist potentiell für Frauen genauso attraktiv wie für Männer und kann, bei Empfänglichkeit dafür, auch für sie einen ebenso starken Zwang ausüben.

Phasen in der Karriere der pathologischen Glücksspielerinnen:

Robert Custer beschrieb 3 Phasen in der Karriere des zwanghaften Glücksspielers: das Gewinnen, das Verlieren und die Phasen der Verzweiflung. Dies beschreibt das Glücksspielmuster bei Männern, aber es muß in Bezug auf Frauen revidiert werden.

Glücksspielen beginnt als eine erholsame Freizeitaktivität für alle, die spielen. Pathologische Glücksspieler bilden keine Ausnahme von dieser Regel. Wie andere gewinnen bzw. verlieren sie oder haben eine ausgeglichene Bilanz. In etwa der Hälfte der Fälle steht vor häufigerem Spielen ein großer Gewinn oder eine Glückssträhne,in der oft Gewinne gemacht werden, die der Hälfte des Jahreseinkommens oder mehr entsprechen. Hierdurch wird der Eindruck erzeugt, daß ein Vermögen durch Glücksspiel gewonnen werden kann und gleichzeitig wird das prickelnde und anregende Gefühl vermittelt, in "Action" zu sein.

Obwohl auch bei einigen Frauen dieses Muster zu beobachten ist, findet es sich doch häufiger unter männlichen pathologischen Glücksspielern. Viele Frauen hatten nie einen großen Gewinn. Mehr als die Hälfte der Glücksspielerinnen berichtet, daß sie anfänglich das Spielen als Mittel betrachteten, vor überwältigenden Problemen und hier insbesondere vor aus der Kindheit resultierenden Störungen, Beziehungsschwierigkeiten, Einsamkeit und Langeweile flüchten zu wollen.

Sowohl männliche als auch weibliche Glücksspieler werden von der "Action" des Spielens angezogen. "Action" ist ein angeregter Zustand, der mit dem "High"-Gefühl, das durch Kokain oder andere Drogen hervorgerufen wird, verglichen werden kann. "Action" bedeutet positive Anregung und Spannung. In Kurzform, das Adrenalin fließt:

"Alles was ich brauchte, war eine Zahl, dann hatte das Adrenalin Besitz von mir ergriffen. Ich wurde ganz gefühllos für die Außenwelt, ich hoffte und betete, daß diese Zahl aufgerufen werden würde."

(Hope — über Bingo redend):

"Ich bin im Kasino wie manisch... Mein Adrenalin beginnt dann zu fließen. Das bedeutet, ich beginne nervös zu werden, ich fiebere dem Nächsten entgegen, zwanghaft angetrieben, gehe ich zum ersten Tisch, wo ich eine Stelle genau in der Mitte bekommen kann, so daß ich genug Platz habe, meine Chips auf die Zahl zu setzen, die mich magisch anzieht." (Sue – eine Roulettespielerin)

Der Wunsch, diese "Action" andauern zu lassen, wird in späteren Stadien des zwanghaften Glücksspieles so stark, daß viele Frauen deshalb oft tagelang auf Schlaf oder Essen verzichten und nicht ohne wirklich zwingenden Grund ihren Platz am Spielautomanten oder am Roulettetisch verlassen. Während sie in "Action" sind, sind diese Frauen in der Lage, alle anderen Dinge des Lebens zu vergessen.

Diejenigen, die ihren Problemen hierdurch entfliehen, bezeichnen das Glücksspiel oft als Betäubung, die hypnotisieren kann. Durand Jacobs nennt diese Phänomene "Dissoziative Zustände". Sie beinhalten Gedächtnislücken, Trancezustände und Erlebnisse des Verlassens des eigenen Körpers sowie das Gefühl, eine andere Identität während des Spielens anzunehmen. Der Soziologe Basil Browne berichtet, daß Glücksspieler diese Erfahrungen als "auf der Kippe stehen" beschreiben. Spieler, die vor ihren Sorgen fliehen, finden in diesen Gefühlen Erleichterung, insbesondere da sie mit dem euphorisierenden Gefühl verbunden sind, in "Action" zu sein.

Sowohl für denjenigen, der "Action" sucht, als auch für den, der vor seinen Sorgen flüchten will, kommt es schrittweise zu einer Verschlechterung der häuslichen, beruflichen und finanziellen Situation, insbesondere in dem fortgeschrittenen Stadium, in dem das Verlieren überwiegt.

Zwischenmenschliche Beziehungen leiden, wenn von Familienangehörigen oder Freunden Geld geborgt wird, ohne daß es zurückbezahlt wird. Es wird gelogen und die finanziellen Verpflichtungen steigen. Die Arbeitsstellen werden hemmungslos unter zwei Aspekten ausgenutzt: man versucht Zeit bzw. Geld zum Spielen herauszuschinden.

Glücksspielerinnen verspielen sowohl ihr eigenes Geld als auch das ihrer Familie, indem sie typischerweise Haushaltsrechnungen verzögern, Bankguthaben abheben und sich von Freunden und der Familie (inklusive ihrer eigenen Kinder) Geld leihen, kleine Darlehen aushandeln (manchmal unter Fälschung der Unterschrift ihres Ehemannes) und indem sie ihr Arbeitslosengeld oder ihre Sozialhilfe ausgeben. Familienbesitztümer, Ersparnisse und andere legale Geldquellen werden oft verspielt. Wenn sie aufgebraucht sind, werden Familienangehörige zum Schuldenausgleich gebeten. Typischerweise wird diese Bitte mit dem Versprechen verbunden: "Ich werde nie wieder spielen".

Feministische Perspektiven zum pathologischen Glücksspiel bei Frauen:

Pathologische Glücksspielerinnen sind oft das Opfer sozialer Rollenanforderungen und Rollenbegrenzungen, die Frauen auferlegt werden. Sie sind oft in unglücklichen und mißbrauchenden Familien gefangen und das Spielen beginnt als pasagere Möglichkeit, den Lebensproblemen zu entfliehen. Indem es jedoch selbst ein Problem wird, beeinträchtigt das Pathologische Glücksspiel die Fähigkeit der Frau, die an sie gestellten sozialen Rollenanforderungen zu erfüllen. Darüber hinaus ist sich die Glücksspielerin der gesellschaftlichen Verurteilung bewußt, die sie ereilt, da sie die hohen moralischen Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht erfüllen kann; Anforderungen, die sehr viel höher sind, als die, deren Erfüllung man von Männern erwartet. Hieraus resultierend entwickelt sie Scham- und Schuldgefühle in zweierlei Hinsicht: erstens, da sie eine pathologische Glücksspielerin ist und zweitens, da sie den geltenden moralischen Anforderungen nicht gerecht werden konnte:

"Sie sollte eine Mutter sein und eigentlich hat sie gar keine Zeit an das Glücksspiel zu denken. Sie sollte sich damit beschäftigen, eine Familie großzuziehen".
(Marsha - Rennwetterin)

"Es ist in Ordnung für einen Mann, glückzuspielen, Geld zu verlieren, zu stehlen und dies und das anzustellen, dann geht er zu den Anonymen Glücksspielern (Gamblers Anonymuus) und dann verläßt er diese Gruppe wieder, wohlriechend wie eine Rose. Aber es gibt eine doppelte Moral im Hinblick auf Glücksspielerinnen; wenn eine Frau spielt, stiehlt oder kriminell wird, ist sie eine gottverdammte Hure."
(Jo-Ann – Kartenspielerin)

"Wir haben das Stigma der nährenden Mutter. Das bedeutet, daß von uns verlangt wird, daß wir mehr Kontrolle über alle diese Dinge haben sollten."
(Pat – Rennwetterin)

Es ist nicht überraschend, daß Depressionen bei Glücksspielerinnen sehr häufig auftreten. Darüber hinaus sind Frauen mehr als Männer mitbetroffen, wenn Familienmitglieder oder Freunde Probleme haben.

Vor diesem Hintergrund ist das Spielen bei Glücksspielerinnen ein Flucht- und Bewältigungsversuch in belastenden Lebensumständen.

Beziehungsprobleme bilden deshalb einen grundlegenden Faktor bei dem Entstehen des pathologischen Glücksspiels.

Für einige Frauen bietet das Glücksspiel auch die Möglichkeit, auf gleicher Ebene in einer männlich dominierten Welt mit Männern zu konkurrieren und dadurch Macht zu gewinnen.

"Ich stehe endlich mit den Männern auf gleicher Stufe. Das ist, weil ich mich hingesetzt habe und Runde um Runde mit ihnen gespielt habe. Und ich war ihnen ebenbürtig, Zug um Zug."
(Dolores – Kasinospielerin)

"Ich glaube, ich spiele wie ein Mann. Ich habe eine harte Art zu spielen, verstehst du ... Es ist schwierig, mich zu bluffen, weil ich bei der Sache bleibe... Ich hörte einmal über den Tisch weg, daß jemand mich beleidigte. Ich schaute auf die Person. Ich warf ihr meinen unangenehmsten Blick zu. Ich zeigte mich sehr schroff. Vielleicht wollte ich ein Mann sein, ich weiß es nicht so genau."
(Judy – Kartenspielerin und Sekretärin)

Es ist möglich, daß eine Unfähigkeit, in den traditionellen Frauenrollen Erfüllung zu finden, manche Frauen zum Glücksspiel als einer typisch männlichen Aktivität ziehen kann. Wenn eine Frau in diesem männlichen Gebiet erfolgreich ist, dann gewinnt sie ein Gefühl persönlicher Macht, das einen Mangel an Selbstbewußtsein ausgleichen kann. Dies scheint insbesondere für die zwischen Gegnern ausgetragenen Arten des Spielens der Fall zu sein, wie z. B. Kartenspielen, Rennwetten, Börsenspiele und Sportwetten. Automatenspielen, Bingo und Lotteriespiele werden nicht als typisch männliche Domäne betrachtet. Bei diesen Spielen scheint der Wunsch, in eine andere Welt zu flüchten, wo die Probleme vergessen werden können, das Hauptmotiv zu sein. In jedem Fall jedoch sieht es so aus, als ob bei Frauen äußerliche Ereignisse das Glücksspiel häufiger hervorrufen als bei Männern.

Schließlich sind pathologische Glücksspielerinnen hauptsächlich als Sekretärinnen, Angestelle oder in anderen untergeordneten Positionen tätig. Ihre Bezahlung ist im allgemeinen geringer als die der Männer. Demzufolge können sie nicht so große Schulden machen. In diesem Zusammenhang fällt auch eine geringere kriminelle Geldbeschaffungsaktivität auf. Spielerinnen benutzen eher das Familienbudget, um an das für das Spielen notwendige Geld heranzukommen. Falls sie kriminell werden, neigen sie zu weniger schwerwiegenden (und häufig typisch "weiblichen") Verbrechen.

Verheimlichung und Entdeckung

Das Vertrauen von Familie und Freunden aufrechtzuerhalten ist von erstrangiger Bedeutung bei pathologischen Glücksspielern. Um dies zu erreichen, bauen Glücksspielerinnen eine ausgefeilte Fassade auf, um dahinter vor denen, die ihnen am nächsten stehen, ihre Spielaktivitäten zu verstecken.

Hierbei kann man 3 Stadien unterscheiden: Stadium 1, das Vertuschen von kleineren Schwierigkeiten; Stadium 2, die Verheimlichung des Spielens und der hierdurch verursachten Probleme; Stadium 3, die Leugnung der Katastrophe, die jedoch manchmal zu der Entdeckung führt.

Einige Taktiken, die im Stadium 1 gefunden werden, sind eine scheinbare †berhöhung der Ausgaben, die erniedrigte Angabe des Einkommens und das Borgen von Verwandten, um die Lücken, die in der Haushaltskasse durch das Glücksspiel entstanden sind, zu füllen. Im Stadium 2 wird nicht nur das Spielen selbst verheimlicht, sondern alle möglichen Hinweise darauf werden vertuscht. Lügen wird ein Teil des Lebens und es werden immer neue Alibis erfunden, die die Spuren der Spielerin verwischen sollen. Z. B. besuchen viele Frauen nicht existente Wohltätigkeitstreffen, bei denen Geld für gute Zwecke ausgegeben wird; sie besuchen Freunde für "lange Gespräche" oder "sehen einen Psychiater" (sehr gut an dem letzteren Vorwand ist, daß man einen Psychiater normalerweise regelmäßig trifft und hierbei auch Geldkosten entstehen).

Das dritte und letzte Stadium in der Karriere einer Glücksspielerin ist durch den nicht mehr aufzuhaltenden sozialen und wirtschaftlichen Zusammenbruch gekennzeichnet. Glücklicherweise hören viele Frauen mit dem Glücksspiel auf, bevor sie diese Phase erreichen. Für diejenigen, die dies nicht tun, wird das Leben zu einer ausweglosen, drückenden Qual.

Jo-Ann z. B. sagte ihrem Ehemann nicht, daß sie nicht mehr die Eigentümer ihres eigenen Hauses waren. Sie hatte ein zweites Darlehen auf das Haus aufgenommen und es nicht zurückzahlen können. Deshalb war sie von der Darlehensgesellschaft enteignet worden. Sie unterschrieb daraufhin einen Mietvertrag mit dieser Gesellschaft. Während der folgenden drei Monate war sie die einzige im Hause, die wußte, daß sie zur Miete wohnten. Als sie schließlich die Miete nicht mehr bezahlen konnte, schickte die Darlehensgesellschaft einen Mahnbescheid. Zu diesem Zeitpunkt schrieb Jo-Ann ihrem Ehemann einen dreiseitigen Brief und floh nach Reno in Nevada, wo sie sich nach einer Arbeitsstelle umsehen wollte und sich erhoffte, sich von den Schulden freizuspielen. Voller Verzweiflung rief sie ihren Ehemann am folgenden Tag an und berichtete ihm weinend am Telefon, wo sie war.

Familien- und andere Beziehungen

In der amerikanischen Gesellschaft wird an erster Stelle von den Müttern erwartet, daß sie sich sowohl körperlich als auch emotional umfassend um ihre Kinder kümmern. Obwohl die überwältigende Mehrzahl der glücksspielenden Mütter in der Lage ist, ihre Kinder körperlich ausreichend zu versorgen, leidet deren qualifizierte Fürsorge dennoch zeitweilig. †blicherweise werden die Kinder finanziell auf zwei Arten ausgenutzt: dadurch, daß die Haushaltskasse für das Spielen geplündert wird; oder, noch direkter, wenn sie gebeten werden, ihren Müttern Geld zu leihen. In den meisten Fällen borgen diese Frauen Geld von ihren Kindern, um das durch das Spielen fehlende Haushaltsgeld zu ersetzen.

Noch häufiger werden die älteren Kinder als Babysitter ihrer jüngeren Geschwister eingesetzt, manchmal für sehr lange Zeiträume. In den Familien, in denen alle Kinder jung sind, werden diese routinemäßig in der Obhut des Ehemannes, des Geliebten oder anderer Angehöriger und Freunde zurückgelassen. Und wenn Babysitter nicht verfügbar oder zu teuer sind, nehmen manche Frauen ihre Kinder mit in die Spielhalle. Das Resultat dieser Vogehensweisen kann bei allen Frauen in einem Wort zusammengefaßt werden — Schuld. Schuld wegen der Zeit, die sie ihren Kindern vorenthielten und Schuld wegen des Geldes, das sie von ihnen genommen haben.

Ehemänner und Lebensgefährten neigen zu Verhaltensweisen, die, obwohl sie in der besten Absicht durchgeführt werden, das Spielproblem ihrer Partnerinnen noch verstärken. Am offensichtlichsten ist dies, wenn der Mann selbst mitspielt. Eine weitere Voraussetzung hierfür schafft er, wenn er alkoholabhängig ist oder unter einer anderen seelischen Krankheit leidet bzw. wenn er eine räumlich weit entfernte Arbeitsstelle hat. Unter diesen Umständen ist die Frau oft sehr einsam. Drittens unterstützen traditionelle Rollenverteilungen die Frauen oft zumindest anfänglich im finanziellen Bereich, d.h. wenn Ehepaare ihre finanziellen Mittel zusammenlegen, übernehmen die Frauen häufig die Funktion der Geldverwalterin im Bereich des Haushaltes. Diese Rolle gibt ihnen Zugang zu dem gesamten Haushaltsgeld. Viertens kann sich der Mann, insbesondere der Ehemann, als Retter einer "schwächeren" Partnerin sehen. Männer, die diese traditionelle Rolle übernehmen, neigen dazu, die Kontrolle über die Frauen und deren Verhaltensweisen zu ergreifen und aus dem Spielen resultierende Konsequenzen auszugleichen. Im Extremfall wird der Ehemann seiner Frau nicht erlauben zu arbeiten, ihre Rechnungen zu bezahlen und die Verantwortung für "unser Problem" zu übernehmen. Solche Vorgehensweisen erweisen sich mit der Zeit jedoch als sehr schädlich.

Eltern und andere Verwandte beeinflussen die Spielerinnenkarriere ebenfalls auf verschiedenste Art. Erstens haben sie die Frau vielleicht mit dem Spielen bekannt gemacht. Zweitens erleichtern sie ihr das Spielen evtl. dadurch, daß sie auf die Kinder aufpassen, ihr Geld verleihen und ihren Haushalt besorgen. In manchem Fällen neigen die Eltern von Glücksspielerinnen dazu, den Ernst des Problemes ihres erwachsenen Kindes "wegzulachen" und sie ermutigen so die Tochter dazu, weiterzuspielen.

Familienangehörige/Ehemänner, Eltern, Kinder und Lebenspartner — sie alle neigen dazu in ähnlicher Weise auf das Spielproblem zu reagieren. Sie versuchen, die Frauen zu kontrollieren oder den Schaden zu minimieren und /oder sie fördern auf verschiedenstem Wege das Spielen direkt. Diese Verhaltensweisen finden sich wiederholt, zyklisch und mit der Zeit in immer stärkerem Maße.

Erholung und Behandlung

Viele Frauen beginnen das Glücksspiel, indem sie durch Freunde zur Unterhaltung in dieser Freizeitaktivität eingeführt werden. Mit der Zeit jedoch entfremden sie sich von diesen Freunden als Folge sich auftürmender Probleme und sie haben den Wunsch zu fliehen. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß viele glücksspielende Frauen der dann zunehmenden Einsamkeit zu entfliehen suchen, indem sie sich mit anderen pathologischen Spielern zusammentun. Das Pathologische Glücksspiel jedoch entfremdet sie noch weiter von den Mitmenschen, insbesondere von denen, die ihnen am nächsten stehen. In der Folge suchen sie noch mehr Anschluß im Spielermilieu, darauf bauend, daß selbst wenn diese Aktivität ihnen keine Freunde bringen sollte, sie hierbei doch zumindest eines finden werden — Erleichterung von einem qualvollen Leben.

Wenn man nach Lösungen für die Probleme dieser Frauen sucht (sie haben alkoholkranke und/oder mißbrauchende Ehemänner, sie leiden unter Einsamkeit, Kindheitstraumata usw.) ist es wichtig das Thema der Flucht im Auge zu behalten. Sehr oft wird das Glücksspiel erst problematisch als Folge der obigen Vorbedingungen. Das Spielen selbst wird dann zu einer zusätzlichen Bürde, die besondere Aufmerksamkeit und Behandlung erfordert. Vom Spielen wegzukommen ist schwer, aber es ist ein Ziel, das erreicht werden kann.

Studien zeigen, daß Frauen weniger häufig eine Behandlung aufsuchen als Männer. Ein Grund dafür ist das Spielerstereotyp unserer Gesellschaft, das ihm das "Image" des Machos oder groß auftretenden Lebemannes gibt. Er ist der tolle Typ in der Stadt, der sich für intelligenter und gerissener als jeden anderen hält.

Glücksspielerinnen passen nicht in dieses schillernde Bild und werden konsequenterweise auch nicht mit ihm in Beziehung gesetzt. Deshalb schätzen sich auch die Frauen selbst weniger häufig als pathologische Glücksspielerinnen ein.

Glücksspielende Frauen sind häufiger alleinstehend, getrennt lebend oder geschieden. Sie haben weniger Bezugspersonen, die sich um sie sorgen oder sie zu einer Therapie bewegen könnten. Unglücklicherweise haben sie auch weniger soziale Unterstützung, wenn sie versuchen, von dem Spielen wegzukommen. Hinzu kommt, daß viele Frauen sich fehl am Platze fühlen in der überwältigenden männlichen Mehrheit bei dem Treffen der GA (Gamblers Anonymous). Dies sind die Gründe dafür, warum Spielerinnen bei den GA und in Therapieeinrichtungen für pathologische Glücksspieler so selten anzutreffen sind. Jedoch ist davon auszugehen, daß die dennoch zunehmende Zahl von Teilnehmerinnen den Zugang zu diesen Einrichtungen für andere Frauen immer mehr erleichtern wird. Hinzu kommt, daß in verschiedenen Städten bereits GA-Treffen ausschließlich für Frauen angeboten werden.

Zusätzlich zum Kampf gegen das eigentliche Glücksspielproblem müssen die zugrundeliegenden Ursachen des Spielens bearbeitet werden. Es ist wichtig, daß Frauen Hilfe zur Bewältigung dieser tieferliegenden Probleme suchen, um hierdurch auch bei ihrer Glückspielproblematik zu profitieren und schließlich das Spielen aufgeben zu können. Therapeuten und Selbsthilfeprogramme, die auf die weiblichen Erfordernisse zugeschnitten sind, bilden den idealen Weg, um diese Ziele zu erreichen.

 

Wo Hilfe für Spielerinnen angeboten wird:

Psychosomatische Fachklinik Münchwies
Turmstraße 50–58, 66540 Neunkirchen

Korrespondenzanschrift:
Dr. Monika Vogelgesang, Oberärztin
Psychosomatische Fachklinik Münchwies
Turmstraße 50 – 58, 66540 Neunkirchen

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